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Helge Meyer

Selbstdarstellung

Helge Meyer beschäftigt sich seit Mitte der 80er Jahre mit Aktionskunst. Durch erste Versuche im Bereich des experimentellen und absurden Theaters entwickelte Meyer langsam ein dauerhaftes Interesse (sowohl praktisch als auch theoretisch) an der Kunstform Performance Art.

In seinen Performances, die unter dem Namen System HM2T (gemeinsam mit Marco Teubner) seit 1998 auf der ganzen Welt stattfinden, spielt grundsätzlich der Körper eine wichtige Rolle. Extremsituationen wie Schlafentzug („Counting rice“, Manila 2003, Dauer 22 Stunden), das Tragen schwerer Lasten („More valuable then gold“, u.a. Helsinki 2001, Meyer und Teubner trugen ihr Eigengewicht in Salz auf dem Rücken für etwa eineinhalb Stunden) oder scheinbar einfache Handlungen, die erst durch die Dauer und die Reduktion auf psychische und physische Weise belastend werden („perform“, Hildesheim 1999, 5 Tage a 12 Stunden, u.a. „gehen“ für 12 Stunden auf einem vorher festgelegten Weg oder “trinken“ von je 9 Litern Wasser über diesen Zeitraum.)

Solo beschäftigt sich Meyer noch stärker mit dem Leiden und der Möglichkeit zur Empathie seitens der Zuschauer. In der Performancereihe „Taschlich“ (u.a. Mexiko 2005 und Singapur 2005) vermischt Meyer beispielsweise die jüdische Tradition des Taschlich-Gebets mit der Märtyrerrolle im christlichen Glauben. In einem Ritual werden „Sünden“ des Publikums auf Steine geschrieben, die Meyer sich an den nackten, mit heißem Wachs übergossenen Körper bindet und diese zu einem nahe gelegenen Gewässer trägt, um als Stellvertreter die Sünden der Teilnehmer zu versenken.

Seit 2000 ist Meyer assoziiert in Black Market International. (12 Künstler aus 9 Ländern)

Seine Performances führten ihn auf internationale Festivals in Europa, Asien, Nord-und Südamerika und Australien.

Wissenschaftlich beschäftigt sich Helge Meyer ebenfalls mit dem breiten Gebiet der Performance Art. Er veröffentlicht international Texte und Kritiken über diese Kunstform.

Seit 2002 kuratiert Meyer Performancefestivals in Ilsede. Die Reihe Blow! zeigt seit 2006 regelmäßig aktuelle Positionen (u.a. aus Südamerika und Asien).

Mehr Infos:

www.performance-art-research.de

www.ideenstiftung.org

Vita

- geb. 1969 in Woltwiesche
- verheiratet und zwei Kinder
- Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim (Diplom Kulturwissenschaftler)
- 2007 Promotion im Bereich Kunstwissenschaft an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Stuttgart (Titel: Schmerz als Bild- Leiden und Selbstverletzung in der Performance Art)
- Dr. Helge Meyer ist Lehrbeauftragter im Institut Bildende Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Hildesheim, Kunstlehrer am Gymnasium und arbeitet international als Performancekünstler. Er veröffentlicht regelmäßig Texte zum Thema Performance Art (z.B. für „Inter Art Actuel“ in Quebec City) und gehört zum International Advisory Board der Theater Akademie in Helsinki.

Ausstellungen

Performances in Europa, Asien, Nord-und Südamerika, Australien seit 1999

Mitgliedschaft

Black Market International, System HM2T

Zu Performance Art

"Performance cannot be saved, recorded, documented, or otherwise participate in the circulation of representations of representations: once it does so, it becomes something other than performance. To the degree that performance attempts to enter the economy of reproduction, it betrays and lessens the promise of its own ontology." Peggy Phelan

Performance Art hat eine Zeitdimension, die sich auf spezifische Weise von anderen Künsten unterscheidet: Im Moment des Ereignisses der performativen Handlung ist der Prozess der Vergänglichkeit bereits im Vollzug. Damit ergibt sich eine ephemere Qualität von Bewegungsbildern, die einer besonderen Intensität und Präsenz verpflichtet sind, um Eingang in die Wahrnehmung von Betrachtern zu finden. Auch entzieht sich die Performance den Marktkriterien, wie Peggy Phelan auf treffende Weise formuliert. Es bleibt nichts zurück außer der Spur der Bilder in der Erinnerung der Anwesenden.

Was ist hieraus für die Entwicklung der Performance Art aus der Sicht der Bildenden Kunst zu vermuten? Die relativ junge Kunstform, deren Ursprünge ich in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den anti-musealen, avantgardistischen Kunstaktionen der Futuristen sehe, tritt gegen mächtige Konkurrenten an: Die etablierten Kunstformen wie Malerei, Installation, Fotografie und Videokunst dominieren die Hitlisten einer kunstinteressierten Öffentlichkeit und damit auch den Markt. Fernsehen, Film in jeglicher Materialität und digitale Bildvermittler wie das Internet hingegen prägen das Verständnis wie Bilder sind und was Bilder können. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind im Moment kaum zu überblicken.

Anders in der Performance Art: Ist die Live-Arbeit beendet, findet die Entfernung zum Bild der Performance im Zuschauer selbst statt. Das Bild selbst existiert nicht mehr körperlich. Es wird von der Ebene der Präsenz in die kognitive Ebene des Erinnerns und Bewertens übertragen: Es wird zur punkthaften Präsenz in der Vergangenheit, zur Spur! Damit eignen sich die Betrachter das Bild jedoch selbst an. Es erlangt eine eigene Qualität in der kognitiven Sphäre eines jeden Betrachters.Die Sinnlichkeit der Ko-Präsenz des Betrachters ist meiner Meinung nach die absolute Stärke der Performance. Hier verorte ich auch ihre zeitlose Bedeutsamkeit, die keinen Moden oder Tendenzen unterworfen ist. Das Subjekt handelt mit dem Leib, es erarbeitet sich Situationen und verkörpert diese Handlungen in Bildern. Damit wird dem Menschen als Träger einer Art kulturellen Gedächtnisses eine wichtige Rolle in der Übertragung von Bildern beigemessen. Es ist den technischen Bildmedien nicht gegeben, die in ihnen dargestellten Bilder dynamisch zu verwandeln. Erst die subjektive Umdeutung, das Vergessen oder die Neuinterpretation durch die Einverleibung der Bilder macht sie zu einem Teil der Kultur. Das Bild ist immer Resultat einer persönlichen und kollektiven Symbolisierung. Das meint, dass alles, was wir wahrnehmen, in unserer Vorstellung, in einem kognitiven Akt, zu einem Bild gewandelt wird, welches von den kulturellen Grundsätzen der Gesellschaft, in welcher wir leben, geprägt wird. Dazu kommen unsere persönlichen Werte und Urteile. Nun entsteht das Bild in uns, es ist von einem äußeren zu einem inneren Bild geworden. Festivals wie Blow! wollen vielfältige kulturelle Positionen präsentieren und zu einer emphatischen Offenheit für das „Andere“ anregen!

Ein wichtiger Kern der heute aktiven Performancekünstler hat sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, welches Dank der hoch entwickelten Kommunikationsmöglichkeiten des Internet in der Lage ist, schnell auf Ereignisse zu reagieren und sie in Handlungen oder Kommunikationsprozesse umzusetzen. In regelmäßigen Treffen, rund um den Globus, findet statt, was Ende Januar 2005 in Berlin auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung schwerfällig unter dem Titel „Identität versus Globalisierung?“ diskutiert wurde: Künstler und Theoretiker treffen sich nicht nur auf einer Dialogebene, sondern handeln performativ. Es werden Performances aus aller Welt vor einem Publikum aus aller Welt gezeigt, welches sich mit den Aufführenden auf einer Präsenzebene befindet. Gemeinsame Arbeiten entstehen und soziale Projekte auf einer Mikroebene werden in die Tat umgesetzt, vorbei an einer Bürokratie, deren performatives Handeln (also das „tätig werden“ mit tatsächlichen Folgen) oftmals an Behäbigkeit scheitert. Diese beispielhaften Beschreibungen sollen nicht den Eindruck erwecken, bei der Performance Art handele es sich um eine Form künstlerischer Sozialarbeit. Dies ist sicher nicht der Fall. Es geht vielmehr um das Handeln. In der Sprechakttheorie John L. Austins bezeichnet Performanz das ernsthafte Ausführen von Sprechakten. Performative Äußerungen sind hierbei keinen "logisch-semantischen Wahrheitsbedingungen" unterworfen, sondern erhalten ihre Bedeutung lediglich in Bezug auf ihre Gelingensbedingungen.

"Im Gegensatz zur "konstativen Beschreibung" von Zuständen, die entweder wahr oder falsch ist, verändern "performative Äußerungen" durch den Akt des Äußerns Zustände in der sozialen Welt, das heißt, sie beschreiben keine Tatsachen, sondern sie schaffen soziale Tatsachen. So bewirkt der deklarative Sprechakt des Standesbeamten kraft seines Amtes, daß sich die Eheleute danach im Zustand der Ehe befinden." Exakt dieser Aspekt des Schaffens sozialer Tatsachen spielt für die Kunstform der Performance eine prägende Rolle: Es handelt sich nicht um ein inszeniertes Spiel, sondern um eine tatsächlich vollzogene Handlung mit allen realen Folgen.

In meinem Verständnis aktueller Performance Art muss das Bewusstsein um diese Besonderheit in der Erarbeitung von Performances immer eine Rolle spielen. Ich betrachte die Handlungskunst als eine Chance für den Dialog und den Beweis für die Wirksamkeit von kulturellen, bildhaften Äußerungen. Diese Bedeutsamkeit ist nicht an eine spezifische Weiterentwicklung von Ausdrucksformen oder Materialien innerhalb der Performance gebunden. Vielmehr muss und sollte sich die Performance außerhalb von Mode und Tendenzen verstehen und mit Besonnenheit und Konzentration an ihrem Thema arbeiten. Dieses Thema ist für mich jeder andere Mensch.